Wie auch schon bei der vergangenen WM soll in diesem Artikel einmal aufgezeigt werden, wie es denn die Profis in der Praxis machen. Das Spiel ist für den Zuschauer oftmals so schnell, dass während noch überlegt wird, wie dieser Torwurf nun zu Stande gekommen ist, schon wieder der Gegenangriff startet. Daher wird hier aus dem letzten EM-Spiel der Zwischenrunde der Deutschen gegen Frankreich beispielhaft eine Spielsituationen grafisch dargestellt. Wie knacken Profis moderne Abwehrreihen? Unsere Taktikanalyse Deutschland Frankreich Handball zum leeren Kreuzen zeigt, worauf es bei Timing und Laufwegen wirklich ankommt.
Ursprünglich lag der Schwerpunkt hier bei einem leeren Kreuzen des Rückraums der deutschen Mannschaft – um in einem folgenden Artikel das leere Kreuzen der französischen Mannschaft gegenüberzustellen. Die in dieser Situation gezeigte Abwehrarbeit der Franzosen verdient aber ebenso thematisiert zu werden, da diese hier maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis der Angriffsaktion hat.
Artikel WM:
Handball-WM: Deutschland gegen Polen – erfolgreiche Angriffszüge
Handball-WM-Finale: Dänemark gegen Kroatien – Erfolgreiche Angriffsaktionen
0:
Angriff:
Die deutsche Mannschaft bereitet den Auftakt des leeren Kreuzens im Rückraum vor. Der Kreisläufer steht zwischen Innen Links und Hinten Links.
Zur besseren Übersicht haben die Rückraumspieler unterschiedlich farbliche Hosen:
Rückraum Links – schwarz; Rückraum Mitte – weiß; Rückraum Rechts – rot;

Abwehr:
Die französische Mannschaft verteidigt in dieser Spielsituation mit Hinten Rechts und Innen Rechts offensiv bei fast 9m. Innen Links und Hinten Links verteidigen den Kreis.
Zur besseren Übersicht haben die Halb- und Innenverteidiger unterschiedlich farbige Hosen:
Hinten Rechts – weiß; Innen Rechts – blau; Innen Links – rot; Hinten links – grün;
1:
Angriff:
Rückraum Mitte spielt den Ball zu Rückraum Links (1) in den Lauf (2). RM zieht Richtung 9m (3) und erhält den Ball von RL zurück (4). Rückraum Rechts macht das Spiel breit.

Abwehr:
Die beiden offensiv agieren Abwehrspieler HR und IR orientieren sich beim Anstoßen ihres Gegenspielers jeweils in Richtung RL (2) und RM (4).
2:
Angriff:
RM spielt den Ball zu RR (5) während dessen kreuzt RL leer mit RM (6). Dieses findet zunächst ohne große Geschwindigkeit statt. RM orientiert sich auf die Position Rückraum Links und RR spielt den Ball wieder zurück zum herum gekommenen RL (7). Während des leeren Kreuzens und des Passes von RR läuft der Rechts Außen der deutschen Mannschaft hoch über 9m ein (5). Der Kreisläufer hält seine Position zwischen IL und HL.

Abwehr:
Die Abwehrspieler erwarten das leere Kreuzen und warten, bis dieses vollzogen wurde. IL orientiert sich schließlich nach vorne, um RL anzunehmen aber auch, um beim einlaufenden Außen zu unterstützen (7). Der Abwehrspieler Außen Links reagiert auf das Einlaufen des RA, in dem er sich offensiv in Richtung RR orientiert (7).
3:
Angriff und Abwehr:
Im Angriff hat Rückraum Links den Ball von RR erhalten. RA ist am Ziel seines Einlaufens angekommen und positioniert sich an der Innenseite von IR. Das Timing des RA wurde so gewählt, dass er genau in dem Moment bei IR ankommt, als RL den Ball erhält und Geschwindigkeit aufnimmt.
Auf Seiten der Abwehr hat IL reagiert, hat sich von 6m gelöst und geht dem ankommenden deutschen RL entgegen. Gleichzeitig verteidigt er mit IR zusammen den eingelaufenen RA auf einer Linie.
Das Heraustreten des IL ist die erste wichtige Aktion der Abwehr, um auf den Einläufer und den gekreuzten RL zu reagieren. Wäre IL hinten geblieben, hätte RL auf der rechten Seite einen großen Freiraum gehabt, wenn es ihm gelungen wäre IR im direkten Duell zu überlaufen. Durch den einlaufenden Außen wäre sogar eine Überzahl entstanden.

Im Angriff stößt RL daher nun in voller Geschwindigkeit in die vorhandene Lücke auf der rechten Seite und möchte IL überwinden (8).
Dies gelingt aber nicht, denn sowohl IL als auch IR orientieren sich nun wieder defensiv in Richtung 9m (9). Der Kreisläufer wird von HL abgedeckt.
RA läuft noch weiter bis HR (10).
Obwohl der Raum auf der rechten Angriffsseite groß und offen aussieht, ergibt sich für RL in der ersten Situation keine Möglichkeit zum Abschluss oder eines Anspiels an den Kreis. Dafür verantwortlich ist das schnelle Einsinken von IL und IR. IL ist zunächst RL entgegen getreten um ihn dann an einem direkten Durchbruch zu verhindern. IR sinkt ebenfalls ab, um den Raum am Kreis zu schließen und dem KM von Deutschland keine Chance zu geben, sich von HL entscheidend abzusetzen.
Hätte auch nur einer der beiden Abwehrspieler zu spät oder gar nicht reagiert und wäre stattdessen offensiv ausgerichtet geblieben, hätten sich für RL verschiedene Optionen – Torwurf, Sperre absetzen mit dem RA oder ein Lauf von KM in den freien Raum – ergeben.
4:
Angriff:
RL hat keine Möglichkeit eines Durchbruchs oder Abspiel gefunden. RR kommt nun zum Kreuzen hinter RL über die Mitte gelaufen (11). RL spielt den Ball zu RR (12) und läuft selbst weiter Richtung hoher Außenposition (12).
IR deckt den Kreis ab, IL tritt nach dem Abspiel von RL dem anlaufenden RR entgegen (13).

RA orientiert sich in Richtung 6m (14).
Durch das stark ballorientierte Abwehrverhalten der Franzosen könnte sich für Deutschland eine Überzahl auf der linken Seite ergeben, sofern der Ball von RR zu RL gepasst wird.
5:
Angriff und Abwehr:
IL ist rechtzeitig gegen RR herausgetreten, so dass RR den parallelen Pass zu RM auf der Position Rückraum Links spielt (15). RM kommt im Bogen über die Mitte (16).
HL hat beim Heraustreten des IL den Kreisläufer übernommen, IL sinkt nach dem Pass von RR wieder ein wenig ab (17). Während dessen treten IR und HR gegen den anlaufenden RM heraus (18), wobei HR weiterhin den eingelaufenen RA abdeckt.

Dieser versucht sich von HR weiter abzusetzen (19).
Die Franzosen haben die kurzzeitig herrschende Überzahl auf der linken Seite wieder ausgeglichen. Vielmehr verdichten sie nun erneut zur Ballseite, in dem IL nach dem Pass von RR zurücksinkt. Auch hier gilt wieder: Hätte IL gezögert oder wäre bei RR geblieben, wäre zwar keine Überzahl entstanden. Doch IR und HR hätten sich entscheiden müssen, ob sie wirklich RM entgegentreten können, da ansonsten hinter ihnen ein großer Raum für KM entstanden wäre. IL hat diesen Raum zumindest optisch geschlossen, so dass KM als Anspielstation für RM schwieriger wurde.
6:
RL hat den Ball und sieht sich HR und IR gegenüber, wobei HR den RA abdeckt und IR sich auf den Block konzentriert. IL deckt optisch den Raum zur Mitte und KM ab, während HL den Kreisläufer deckt.
RM entscheidet sich in dieser Situation für einen Wurf, welcher durch den Torwart im Zusammenspiel mit der Abwehr gehalten werden konnte.

In dieser Situation hatte sich RM sehr früh für den Wurf entschieden. Ein erneutes Rückstoßen auf den IL mit einem dann gelungenen Pass auf RR oder ein Abbruch zur linken Seite und ein mögliches Ausnutzen einer Sperre von RA hätten in diesem Fall die gute Abwehr der Franzosen vielleicht dennoch überwinden können.
Weitere Möglichkeiten, aus einem leeren Kreuzen verschiedene Angriffssituationen zu erarbeiten, finden sich hier: Übung Auftakthandlung: Leeres Kreuzen im Rückraum
von Jens R. / Redaktion: Goetz&Media | Sport

